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Spuren des Kolonialismus in Hannover » Afrikabild » Wissenschaftsbild
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Wissenschaftsbild und Lehre bei Erich
Obst
von Tomasz Konicz
» Erich Obsts wissenschaftliche Lehre stand unter dem Einfluss der späten Kolonialforschung und der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Ähnlich wie viele seiner Zeitgenossinnen und Zeitgenossen hing auch Obst einem Kolonialrevisionismus an, der nach dem Trauma des verlorenen Ersten Weltkriegs dank bewusster Medienkampagnen insbesondere seitens der zahlreichen, finanzkräftigen und gut zu Regierungs- und Wirtschaftskreisen vernetzten Kolonialverbände in der Weimarer Republik an das nationale Selbstbewusstsein der Deutschen appellierte. Vor diesem Hintergrund erfolgte ein Großteil der deutschen wissenschaftlichen Forschung, so auch die von Obst.
Eine Vernachlässigung der "anthropogenen Einflüsse" in der deutschen Geographie, sowie eine mangelnde Kenntnis der "feindlichen Länder", sollen Obst zufolge Anteil an der deutschen Niederlage gehabt haben. Obsts wissenschaftliche Maxime lautete daher: "Geographie ist Länderkunde. Landeskunde auf Grund eigener Beobachtung in kulturgeographischer Methode, die keine Dissonanz zwischen Naturwissenschaft und Geschichte kennt, sondern in der beides berücksichtigt ... wird."[1] Obst strebte eine Synthese von "Mensch und Natur", bzw. "Volk und Land" in seinen Arbeiten an; der Mensch wird als der
prägende Faktor eines geographischen Raumes verstanden.
Ab 1922 widmete sich Obst zunehmend der
Kolonialpolitik und der Politischen Geographie. Den Studenten
sollten die "geographischen Grundlagen" der Weltpolitik und deren
Veränderung nach dem Ersten Weltkrieg vermittelt werden. In dem
Teilgebiet der "Länderkunde" widmeten sich die Vorlesungen Obsts
(1921-1928) sämtlichen Erdteilen: Afrika, Russland und das British
Empire erfuhren aber besondere Beachtung. Auch hier fügt sich Obst
in das Bild ein, das die jüngste historische Forschung zum
Kolonialrevisionismus der Zwanziger Jahre zeichnet. Die
Lebensraumfrage wird von Obst ebenso aufgenommen wie die Forderung
nach außenpolitischer, kultureller Anerkennung, die sich mit anderen
Kolonialmächten gleichberechtigt auf einer Ebene sah.[2]
Ab 1933 hielt Obst vorwiegend geopolitische
Vorlesungen über das "Deutsche Reich" und das "Germanentum in der
Welt", daneben auch über "Afrika unter Berücksichtigung der
deutschen Kolonien".
Afrikabild und Kolonialgedanke bei Ernst
Obst
"Tropenland des urgewaltigen, alles verschlingenden
und ewig Neues gebärend Kampfes! Die Züge deines Antlitzes sind
scharf und herb; sie künden noch heute von dem fruchtbaren Ringen
der Natur, der du dein Dasein verdankst."
"Unser Recht auf das mit deutschem Blut und deutschem
Gut erworbene Deutsch-Südwest können und werden wir niemals aufgeben
... Niemals werden wir uns mit dem uns in Versailles zugefügten
Unrecht abfinden..."[3]
Erich Obst beschäftigte sich bis 1922 mit Ostafrika,
ab 1932 setzte er sich mit den geomorphologischen und
wirtschaftsgeographischen Problemen Südafrikas auseinander. Obst war
ein großer Verfechter der deutschen Kolonialpolitik, um
- die wirtschaftlichen und kulturellen Probleme der
Auslandsdeutschen zu verringern,
- die wirtschaftliche Stellung Deutschlands zu sichern,
- die deutsche wissenschaftliche Forschung in den Tropen zu
sichern.
In diesen imperialistischen Überzeugungen gründete
auch sein Interesse an der Politischen Geographie und der
Geopolitik; Russland und das Britische Empire - zwei potenzielle
Konkurrenten im imperialen Machtpoker - bildeten hier Obsts
Forschungsgebiet. Weitere Schriften Obsts beschäftigten sich ab 1940
mit der "Großraumidee".
Die im Anschluss an seine Forschungsreisen (1911/12,
1932/33 und 1935/36) veröffentlichten Berichte beschäftigen sich mit
drei Themenkomplexen:
- Das "völkische und rassische Problem": Obst orientierte sich am
Beispiel der von ihm als "nationalsozialistisch" titulierten
Buren. Diese verstünden es sehr gut, die "Schwarzen als ewige
Dienerrasse" sich zu halten und eine strikte Segregation
durchzusetzen. Als Gegner der Buren - und auch der Deutschen -
benennt Obst die Engländer, die eine allmähliche "Angleichung" der
Rassen betreiben würden.[4]
- Die politische und staatliche Problematik: Die größte
politische Gefahr für den afrikanischen Kolonialraum liegt Obst
zufolge in dem Unabhängigkeitsstreben der Afrikaner, also der
"schwarzen Rasse". Den Kolonisten obliegt die "wirtschaftliche und
kulturelle Erschließung" der Kolonien, so Obst - soweit handelt es
sich hier noch um gewöhnliche Apologetik. Doch ein angeblich
unabwendbarer Krieg zwischen "der weißen und der gelben Rasse"
würde beide schwächen und der "schwarzen Rasse zu
Selbstbewusstsein und Autonomie" verhelfen. Die Europäer könnten
hiernach (nach "weiß-gelben Krieg" und "schwarzer" Emanzipation)
einen wirtschaftspolitischen Machtverlust erleiden.[5]
- Die wirtschaftlich technische Problematik: In diesem Zusammenhang untersuchte Obst die Folgen ungehemmter
Eingriffe des Menschen in den Naturhaushalt, insbesondere setzte
er sich mit den Erosionsprozessen im Zuge extensiver
Landwirtschaft in tropischen Breitengraden auseinander.
Im Verlust der deutschen Kolonien sah Obst eine
Schwächung der deutschen Volkswirtschaft und der weltpolitischen
Stellung Deutschlands. Um das noch vorhandene "deutsche Volkstum"
und die "deutsche Kulturgemeinschaft" in Südafrika zu schützen,
müsse die deutsche Regierung den Absatz von Erzeugnissen aus
"Deutsch Süd West" garantieren. Darüber hinaus müsse der deutschen
Kolonialpolitik "die Schaffung von Frieden, Ruhe und Ordnung
zuwachsen, dann die wirtschaftliche und kulturelle Erschließung des
vielgeliebten Länderraums." Der "Schutz der schwarzen Rasse" solle
gewährleistet werden. Als Dienerrasse befinde
sich Deutschland somit in einem Antagonismus zu den "Imperialisten" Frankreich
und England, die nur auf die Ausbeutung ihrer Kolonien erpicht seien,
so Obst.
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Obsts Einsatz für deutsche Kolonien in Afrika stand
zuerst im Gegensatz zur NS- Außenpolitik. Erst nach 1936, als
Autarkiebestrebungen die deutsche Wirtschafts- und Außenpolitik
dominierten, gewann der Kolonialgedanke für die neuen Machthaber an
Wert. Nach etlichen "Denkschriften" zum Thema Kolonialpolitik wurde
Obst 1938/39 vom Direktor des Kolonialpolitischen Amtes in Berlin,
General Ritter von Epp, mit der Ausarbeitung eines Kolonialhandbuchs
Afrika beauftragt. Es folgte Obsts Annäherung an den
Nationalsozialismus. Die Zielsetzung des Afrika-Handbuchs lautete:
- "Es soll durch eine wissenschaftliche Leistung besonderer Art
unseren unverjährbaren und unabdingbaren Anspruch auf koloniale
Wiederbetätigung in Afrika unterstreichen."
- "Das Afrika-Handbuch soll der Deutschen Heimat ein
verlässlicher Führer auf dem Gebiete kolonialer Wissenschaft sein
und eine ... Grundlage für koloniale Planung aller Art."
- "Das Afrika-Handbuch soll später dem in Afrika tätigen
deutschen Pionier als Nachschlagewerk dienen..."[6]
Dieses überwiegend auf wirtschaftliche Nutzung
ausgerichtete Werk sollte dazu dienen, die
Gründung eines Kolonialwissenschaftlichen Instituts vorzubereiten.
Geopolitik und Großraumidee
Ab 1924 zählte Obst zu dem Autorenkreis der
"Zeitschrift für Geopolitik", die eine koloniale Expansionspolitik progagierte. Obst beteiligte sich somit anfänglich auch an den
Strategiedebatten der Geopolitiker: Die Hauptgegner Deutschlands
waren Obst zufolge Russland und England: "Britischer Imperialismus
und russischer Bolschewismus sind und bleiben die beiden großen
Flankengefahren, mit denen das festländische Europa zu rechnen
hat." [7]
Mit zunehmender Annäherung an den Nationalsozialismus ab Mitte der Zwanziger Jahre
erfolgte bei Obst eine Vermengung faschistischer Lebensraumpolitik -
hier ökologisch konnotiert - mit kolonialen Ambitionen:
"Der Osten bietet für das Gesamtreich die Gewähr
dafür, dass das gesunde Gleichgewicht zwischen Landwirtschaft,
Gewerbe und Industrie gewährt wird, die Verstädterung und
Industrialisierung in Deutschland auf ein erträgliches Maß
beschränkt werden kann. Der Osten mit seinem ausgedehnten
Siedlungsland sichert uns die Möglichkeit, die völkische Substanz
des Reiches allezeit gesund an Körper und Geist zu erhalten ..., um
die kolonisatorische Arbeit in Afrika mit der Gewissheit des
Erfolges in Angriff nehmen zu können."[8]
Fußnoten
[1] Dirk Lewandowski, Die Geschichte der Geographie an der Universität
Hannover. Unveröffentlichte Zulassungsarbeit zur Wissenschaftlichen Prüfung für das
höhere Lehramt an Gymnasien im Fach Geographie bei Prof. Dr. A. Arnold, 1986, S. 49.
[2] Rogowski 2003, S. 246. [3] Lewandowski 1986,
S. 53-55. [4] Ebd., S. 53-54. [5] Ebd., S. 53-54.
[6] Ebd., S. 56. [7]
Ebd. S.
57. [8] Ebd., S.
59.
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 Literatur / Links
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