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Bismarck-Säule

von Felix Schürmann

Die Bismarck-Säule in Hannover wurde von 1903 bis 1904 in der Aegidien-Masch (an der Stelle des heutigen Maschsees) errichtet.[1] Ihre Höhe betrug knapp 20 Meter und sie konnte bis zu einer Aussichtsplattform in 16 Metern Höhe bestiegen werden. Auf der Spitze befand sich eine von vier Drachenköpfen umgebene Feuerschale. Neben den Wappen von Reich, Land und Stadt war sie mit einer die Studentenschaft darstellenden Figur, einem bronzenen Bismarck-Relief, dem Bismarck-Wappen und der Inschrift "Bismarck-Säule der Studentenschaft Hannover 1903" verziert.[2]

Initiiert wurde die Errichtung dieser Säule im Rahmen einer reichsweiten studentischen Kampagne nach dem Tode Bismarcks im Sommer 1898. Der "Ausschuß der Studierenden an Hannovers Technischer Hochschule" forderte vom Magistrat der Stadt Hannover die Aufstellung einer Bismarck-Säule, die als Versammlungsort für nationalistische Großveranstaltungen dienen sollte. Gegen den Widerstand der Sozialdemokraten und der Welfen, die in der Person Bismarck eher den Totengräber des Königreichs Hannover als den nationalen Einheitsbringer verstanden wissen wollten, beschloss eine gemeinsame Versammlung von Magistrat und Bürgervorsteherkollegium am 25. Juli 1899 die Aufstellung einer solchen Säule im Zentrum der Aegidien-Masch, die bis dato ein großes Weide- und Wiesengebiet war, das für die verschiedensten Freizeitvergnügen genutzt wurde.

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Ein studentischer Ausschuss schrieb im März 1901 einen Wettbewerb für den Entwurf der Säule aus und reichte fünf ausgewählte Modelle an die Stadtverwaltung weiter, die sich im September 1902 für den Entwurf des Lindener Architekten Alfred Sasse entschied. Nach zwei Verschiebungen fand am 18. Oktober 1903, einem Sonntag und zugleich der 90. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, die Grundsteinlegung statt, die von patriotischen Liedern und Reden aller wichtiger politischen, militärischen, studentischen und kirchlichen Honoratioren Hannovers begleitet wurde. Genau ein Jahr später wurde die Säule mit einer ähnlichen Zeremonie eröffnet, und bis 1916 fanden jährlich an mit nationaler Symbolik besetzten Tagen Feierlichkeiten und Kundgebungen statt, bei denen unter dem lodernden Feuer nationale Einheit und Herrlichkeit beschworen wurden.[3]

Die Bismarcksäule war auch der Ort, an dem ein studentischer "Kampfausschuss" am 10. Mai 1933 im Zuge der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen politisch unliebsame Werke aus hannoverschen Bibliotheken und Buchhandlungen verbrannte, die zuvor beschlagnahmt und an sieben Sammelstellen angehäuft worden waren. 42 studentische Verbindungen erklärten sich mit der Verbrennung solidarisch, eine Rede hielt unter anderem Victor C. Habicht, der zu dieser Zeit Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hannover war. Sechs Monate später, am 24. September 1933, fand mit einem Aufmarsch des "Stahlhelm-Bundes der Frontsoldaten", der sich an diesem Tag offiziell der SA anschloss, die letzte Massenveranstaltung an der Bismarck-Säule statt. 30.000 Teilnehmer und 150.000 Gäste sollen der Parade beigewohnt haben.[4]

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Im Sommer 1935 wurde die Bismarck-Säule auf Anordnung des Oberbürgermeisters Arthur Menge abgetragen, da sie dem Maschsee weichen musste, der zu dieser Zeit auf dem Gelände ausgehoben und im November geflutet wurde. Ein Erhalt der Säule war nicht durchsetzbar, da die Erhebung, auf der sie stand, ein Sicherheitsrisiko für den Wassersport darstellt und ferner dem Blick von der Südseite des Sees auf die Silhouette der Stadt behindert hätte. Pläne, die Säule an anderer Stelle wieder aufzubauen, wurden nicht verwirklicht. Wo sich die Reste der Säule heute befinden, sofern sie den Krieg überhaupt überstanden haben, ist nicht bekannt.[5]

Die Bismarck-Säule hat nur im weitesten Sinne einen Bezug zur deutschen Kolonialgeschichte. Otto von Bismarck (1815-1898) war bis auf eine einjährige Phase, in der er intensiv Kolonialpolitik betrieb, Zeit seines Lebens äußerst skeptisch und zurückhaltend, was die Forderung nach deutschen Kolonien anging. Er war aber immerhin der Reichskanzler, der den deutschen Kolonialismus ermöglichte, wenn auch nur auf Druck seitens einflussreicher deutscher Industrieller und Kaufleute sowie der innenpolitischen Lage. Bismarck war es auch, der im Winter 1884/85 die so genannte Kongo-Konferenz als Vorsitzender leitete, auf der die Aufteilung des afrikanischen Kontinents unter den europäischen Mächten beschlossen wurde.[6]

 

Fußnoten

[1] Knocke/Thielen 1995, S. 33.
[2] Kloss/Seele 1997, S. 90.
[3] Röhrbein 1986, S. 17f.
[4] Ebd., S. 19f.
[5] Ebd., S. 51.
[6] Vgl. zu Bismarcks Verhältnis zum Kolonialismus: Canis 2002.

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